Da ist zum Beispiel die indianische Wandlungsmaske aus der
Nordwestküstensammlung des Ethnologischen Museums. Ein Besucher aus
Kanada erkannte darin das magische Gerät eines seiner Vorfahren und
schlug damit die Brücke vom gesammelten Artefakt zur gelebten Kultur;
man sieht da auch, auf Fotos, wie die Nordwestküstenindianer, in
Schlips, Kragen und eben Wandlungsmaske, ihre alten Riten heute wieder
aufführen. Und man sieht den Thron, den König Njoya aus Kamerun damals
Kaiser Wilhelm II. schenkte, um sich als mindestens ebenbürtiger
Staatsmann neben den deutschen Kolonialherren zu erheben. Man lernt
etwas über die Globalisierung von Zitrusfrüchten und über die
staatsphilosophischen Hintergründe der Traditionellen Chinesischen
Medizin; nichts davon ist uninteressant, wenn man einmal angefangen hat
zu lesen.
Die Humboldt-Box, heißt es in der Humboldt-Box, wecke
„Vorfreude auf ein zukunftsweisendes Projekt: das Humboldt-Forum“. Es
ist als Vorschein auf etwas Zukunftsweisendes, genau genommen also sogar
die Infobox einer Infobox, was zwar dem Berliner Mythos vom dauernden
Werden und niemaligen Sein so weit ganz gut entspricht, aber schon die
Mutter aller Infoboxen, die von der Baustelle am Potsdamer Platz, hatte
ja gezeigt, dass dieser Vorschein in Wahrheit viel eher ein Nachschein
ist, nämlich der Versuch, verblassenden Vergangenheiten eine Form
zurückzugeben. Deshalb spürt man hier auch, dass es bei diesem
Humboldt-Forum um das Humboldt-Forum im Kern eben nicht geht. Denn, was
gewollt wird (und von den Kritikern gefürchtet), das ist das Schloss.
Das ist die Wiederaneignung eines Stücks Preußen, was wie zum
Eingeständnis eines schlechten Gewissens, damit nun die symbolische
Mitte der Bundesrepublik zu besetzen, durch Einzahlungen auf das Konto
der Völkerverständigung ausgeglichen werden soll. Das Humboldt-Forum im
Stadtschloss der Hohenzollern, heißt es da wie in einer Beteuerung vor
dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, „wird ein respektvolles, von
gleichen Rechten ausgehendes Zusammenleben der Kulturen und Nationen
fördern - getragen von Neugier und Lust auf die Welt.“
Was hier entsteht, ist „Wilhelm Ghost“
Aber
ist das preußische Erbe denn tatsächlich noch so furchterregend, dass
man ihm die Weltkulturen in den Bauch tun muss wie die Wackersteine dem
bösen Wolf? Die geschichtlichen Triebkräfte in Berlin werden in den
letzten fünfzig Jahren jedenfalls eher getragen von Neugier und Lust auf
ein schönes Stück Kuchen.
Verwandte aus Westberlin haben mir
immer wieder deutlich gemacht, dass zwar viele Wege nach Rom führen
mögen, in Berlin aber jeder Weg zu einem Imbiss, ganz besonders die
durch die gefährliche Natur, etwa den Grunewald, denn ein Ausflug
brauche als Ziel und Zweck zwingend die Bulette am Wegesrand; der Grund
liege in der tief verwurzelten Angst der Westberliner, von den Russen
ausgehungert zu werden. Die Einkehr ist dem Berliner gewissermaßen, so
wie für andere der Kontrollgriff zur Waffe, ein Mittel der
Existenzversicherung.
Da der Stadtschlossneubau tendenziell eine
eher Westberliner Herzensangelegenheit ist (Ostler haben mehrheitlich
wirklich andere Sorgen), empfiehlt es sich vielleicht, die Humboldt-Box
als das zu nehmen, was sie seit dem Tag nach ihrer Eröffnung mit großem
Erfolg faktisch längst ist: Berlins mittigstes Ausflugslokal.
Es
ist kein Wunder, dass die sogenannten „Humboldt-Terrassen“ das oberste
Stockwerk der Humboldt-Box einnehmen, Klarheit und Deutungshoheit über
das Gesehene erlangt man erst hier, bei einer Tasse Kaffee. Oder bei
einem Eisbecher Wilhelm II. („Rotes Erdbeerkompott mit Blättchen von
Zitronenmelisse: der Favorit des Kaisers trifft auf Vanille- und
Erdbeereis mit Sahne.“) Das soll den Wert der Ausstellung absolut nicht
schmälern, und das soll auch nichts in Lächerliche ziehen, im Gegenteil:
Wer den Gegenstand ernst nimmt, darf nicht vor den Stücken aus der
ethnologischen Sammlung haltmachen, der muss auch und vor allem die
Möbel im Café in Betracht ziehen. Ein barock geschwungener,
durchsichtiger Plastikstuhl wie Philipp Starcks Modell „Louis Ghost“
sagt am Ende mehr und Bündigeres über das ganze Projekt der
Schlossrekonstruktion als alle Feuilletonartikel darüber zusammen. Was
hier entsteht, ist „Wilhelm Ghost“.
Der entprussifizierteste Ort der Welt
Man
muss dieses Café sehen, das eben auch schon mal einen Vorschein geben
will auf die Möglichkeiten von Barock zwischen Trockenbauwänden:
Stofftapetenimitat. Barocke Plastikschnörkel. Stühle und Tische mit
gehöriger Hüftdysplasie. Die Leute sitzen da mit ihren Freizeitjacken
und Nordic-Walking-Stöcken wie im Fundus der Komischen Oper.
Man
würde sich nicht wundern, wenn die Kellner Kastraten-Arien sängen, schon
die Speisekarten lesen sich ja so, als hätten die sich Nicolaus Sombart
und der Mann, der die Manufactum-Kataloge dichtet, bei einem sehr, sehr
langen Jour Fixe mit ordentlich Adler Gin und Berlin Sour ausgedacht:
„Schokoladensauce und Schokoladensplitter unter sich. Wir haben noch
eine Kugel Vanilleeis und frische Sahne mit hineingeschmuggelt.“ Möchte
man da nicht augenblicklich mit Vanilleeiskugeln auf die Russen von
Charlottenburg schießen vor Freude? Und jedem Franzosen, der mit Easyjet
ins „Berghain“ geflogen kommt, einen Stoß Schlagsahne verpassen? Sogar
der preußische Schlagbaum wird einem noch mal vor Augen gerufen, durch
die verschmitzte Eiskugelcontrabande in den „Humboldt-Terrassen“.
Auf
seinem langen Weg von der Nemesis Europas über die
Rehabilitierungsversuche als historischer Quell von Toleranz,
Unbestechlichkeit und Moral ist Preußen heute durchaus stimmig bei
Kaffee-und-Kuchen-Folklore angekommen. Man muss nämlich auch einmal die
Berliner sehen, die hier gewissermaßen bei ihrem eigenen Mythos Urlaub
machen können von sich selbst, mit jeder Menge „Jawoll, hauruck,
zackzack“. Auch wenn es dazu eine Bewirtschaftung durch Dallmayr aus
München braucht. Prompte, geradezu eilfertige Bedienung - auf so etwas
ist man in Berlin gar nicht vorbereitet, man vermutet eigentlich sofort
eine Falle. Gerade wo das Preußische Sekundärtugenden meint, zuckt es ja
allenfalls noch wie eine Leiche unter Stromschlägen. Westberlin war -
Stichwort Wehrpflicht, Politsumpf, Wirtschaftskraft - ja eigentlich der
entprussifizierteste Ort der Welt.
Das Preußische lässt sich nicht kürzen
Hier
in der Humboldt-Box, hinter Kaiser-Wilhelm-Eisbechern und
Prinzregententorten, die müden Beine auf abwaschbaren Chippendalemöbeln
ruhend, da wirken sie tatsächlich auch wenig wie Indianer im Reservat
bei der Aufführung alter Tänze, beifällig belächelt von den zahlenden
Kolonialherren aus Bayern, Württemberg und Rheinland. Hier, und nur
hier, bei Kaffee und Auguste-Victoria-Torte begreift man endlich, warum
ein Ethnologisches Museum nicht nur doch ganz gut in ein
wiederaufgebautes Preußenschloss passt, sondern warum es geradezu
zwingend da hinein muss: Weil Preußen selbst zu einem Fall für die
ethnologischen, wenn nicht sogar inzwischen auch für die
außereuropäischen Sammlungen geworden ist.
Der Totalverdammnis
Preußens durch die Westmächte haben sich ja auch diejenigen gerne
angeschlossen, die glauben, dass Borussia nur der Name ihres
Fußballvereins sei. Es war der verständliche Versuch, den preußischen
Militarismus als Wurzel allen Übels östlich der Elbe zurückzulassen.
Dort
hat man an diese These naturgemäß noch nie geglaubt, schon gar nicht,
wenn sie einem einer im Trachtenjanker aus München vorträgt.
Die
Russen und die DDR haben das Erbe Preußens die ganze Zeit eher
hochgehalten. Trotz Ulbrichts Stadtschlosssprengung. Es fand sich dann
nur eben im Palast der Republik wieder. Der aber musste verschwinden für
das neue alte Schloss. Bevor sich das Preußische auf diese Weise
endgültig selbst wegkürzt, gehört es also dringend ins Ethnologische
Museum oder wenigstens in das Museumscafé.
Denn am Ende, schreibt
Christopher Clark in seinem Standardwerk über Aufstieg und Niedergang
Preußens, „am Ende war nur noch Brandenburg.“ Politisch mag das harmlos
klingen, gastronomisch ist es das nicht.
Text: F.A.S.