Kinderbetreuung Erfurt

Kinderbetreuung: Agentur mahnt Kommunen

Arbeitszeiten sind für viele Menschen inzwischen nicht mehr so starr wie früher. Aber die Möglichkeiten, Kinder auch frühmorgens oder spätabends in die Kita zu bringen, sind noch immer rar. Und dann sind da oft auch noch die Behörden …

Von Sebastian Haak

Erfurt – Sie hätte niemals damit gerechnet, was ihr die Verwaltung zunächst gesagt hatte. Nämlich: „Geht nicht!“ Dabei wollte Christel Rentsch doch nur das auf sicherere Füße stellen, was sie über Monate hinweg irgendwie so neben organisiert hatte. Nämlich: Die Kinder von Menschen betreuen, die über ihre in Erfurt ansässige Zeitarbeitsfirma beschäftigt sind. Zeitweise, erzählt Rentsch, habe sie die Kinder der Beschäftigten bei sich im Büro beaufsichtigt, manche von ihnen abends nach Hause gefahren. Oft sei das gar nicht anders möglich gewesen, weil Beschäftigte eben auch jenseits der deutschen Hauptarbeitszeit zwischen 8 und 17 Uhr arbeiten müssten. Kindertagesstätten aber, die Kinder auch vor 6 Uhr oder nach 18 Uhr betreuen, sind noch immer die Ausnahme – auch wenn es hier und da inzwischen entsprechende Angebote gibt.

Also, sagt Rentsch, sei sie zum Jugendamt der Landeshauptstadt gegangen und habe dort gesagt, sie wolle eine Art Betriebskindergarten für die Kinder gründen. So jedenfalls könne es doch auch nicht weitergehen. „Die Antwort war: ‚Das geht nicht!‘“, erzählt Rentsch. „Ich bin am Anfang wirklich gegen eine Mauer gelaufen. Es war wirklich hanebüchen.“

Detlef Scheele sieht das auch so. Solche Aussagen an Unternehmer dürfe es von Behördenseite keinesfalls geben. „Das entspricht auch nicht der geltenden Rechtslage in der Jugendhilfe“, sagte er.

Scheele ist nun nicht irgendjemand, der das sagt, sondern seit 2015 Vorstand Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit – und ein ausgewiesener Kenner des Kinder- und Jugendhilferechts in Deutschland, immerhin war er zwischen 2011 und 2015 Senator für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg. Damals, sagt er, habe er selbst Verantwortung für Kindertagesstätten getragen, die von mehreren zehntausend Kindern besucht worden seien. Das, was Rentsch erlebt hat, kann Scheele deshalb gar nicht recht nachvollziehen.

Gleichzeitig unterstreicht die Geschichte der Unternehmerin ziemlich gut die zentrale Forderung, die Scheele am Mittwoch in Erfurt beim Besuch einer Job-Messe für arbeitslose Eltern aufmacht: Die Kommunen, sagt Scheele, müssten in Deutschland noch deutlich mehr Angebote zur Kinderbetreuung außerhalb der Kernarbeitszeiten schaffen. Sie müssten entsprechende Betreuungsangebote entweder selbst in von ihnen getragenen Kitas anbieten oder freie Träger dazu anhalten, solche Angebote vorzuhalten. Nur so könne es gelingen, mehr Eltern in Jobs zu vermitteln, sagt Scheele.

Er wie auch andere Mitarbeiter der Arbeitsagentur sowie des Jobcenters der Landeshauptstadt argumentieren an diesem Tag: Jobs für Eltern seien nicht nur aus finanziellen Gründen für die Eltern und Familien wichtig. Sondern auch, um Kindern vorzuleben, wie ein geregelter, von Arbeit strukturierter Tagesablauf aussieht. Damit sich keine Familienstrukturen herausbilden können, in denen der Sozialhilfebezug von einer Generation zur nächsten „weitervererbt“ wird. Voraussetzung dafür, dass Eltern arbeiten gehen können, sei aber eben, dass sie wüssten, dass ihre Kinder gut betreut würden, sagen Scheele und die anderen Männer und Frauen der staatlichen Agenturen – was auch die Sprecherin des Verbands der Wirtschaft Thüringens, Ute Zacharias, so sieht. Auch Zacharias hält es für eine „Hauptaufgabe der Kommunen“, dafür zu sorgen, dass es Betreuungsangebote auch früh am Morgen, spät am Abend, am Wochenende und auch während der Sommerferien gibt.

Arbeitslose Eltern

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit gab es 2015 im Jahresdurchschnitt etwa 70.000 Bedarfsgemeinschaften bundesweit, in denen beide Elternteile arbeitslos waren. Bei etwa 210.000 Bedarfsgemeinschaften war damals ein Elternteil arbeitslos. In Thüringen gab es den Angaben nach im vergangenen Jahr etwa 1.300 Bedarfsgemeinschaften, bei denen beide Elternteile arbeitslos gemeldet waren, sowie etwa 4.500 Bedarfsgemeinschaften mit mindestens einem arbeitslosen Elternteil. Sowohl die Bundes- auch die Thüringenzahlen sind dabei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Im Freistaat beispielsweise gab es 2007 im Jahresdurchschnitt noch etwa 3.500 Bedarfsgemeinschaften, bei denen beide Elternteile arbeitslos gemeldet waren, sowie etwa 10.500 Bedarfsgemeinschaften mit mindestens einem arbeitslosen Elternteil. sh

Rentsch immerhin hat sich schließlich gegen alle behördlichen Bedenken durchgesetzt. Im April 2014 hat nach ihren Angaben ihre erste Betreuungseinrichtung für die Kinder von Mitarbeitern eröffnet. Weil die Plätze – auch von Mamas und Papas außerhalb ihrer Firma – so begehrt waren, eröffnete sie im Mai 2015 eine weitere Einrichtung in Erfurt. Im Frühjahr 2017 soll die dritte folgen.


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